VALUEversitas Blog

Der Klimawandel und die Landwirtschaft - Nährboden für Innovationen

7. August 2018 22:07:18 MESZ / von VALUEversitas

Der Klimawandel ist ein weltweites Problem, welches seit vielen Jahren bekannt ist. Auch die Ursachen sind im Wesentlichen bekannt. Die Landwirtschaft nimmt dabei eine ganz besondere Rolle ein. So werden durch Ernteausfälle, z.B. infolge von Hagel und Starkregen oder langanhaltenden Hitzewellen, finanzielle Schäden verursacht. Die problematischen Wetterphänomene sind Folgen des Klimawandels. Gleichzeitig werden durch die landwirtschaftliche Produktion enorme Mengen Treibhausgase verursacht, die den Klimawandel vorantreiben. Es ist also offensichtlich, dass die Landwirtschaft einerseits besonders von den klimatischen Veränderungen betroffen ist, andererseits aber auch den Klimawandel in einem relevanten Maß beeinflusst.

Treten nun Ernteausfälle infolge klimatischer Änderungen auf, fehlt dem einzelnen Landwirt nicht nur der Umsatz und damit sein Auskommen, sondern es fehlt Nahrung für eine immer größer werdende Bevölkerung, die mit immer knapper werdenden Ressourcen produziert werden muss. Und das ist die eigentliche Problemstellung, deren Lösung sicherlich keine triviale Aufgabe ist. Ein trivialer Sachverhalt ist dabei lediglich, dass die derzeitigen Handlungsweisen der meisten Landwirte den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen nicht ausreichend Rechnung tragen. 

Doch was wären Ansätze, die es ermöglichen, unter den sich ändernden Rahmenbedingungen zuverlässig pflanzliche und tierische Rohstoffe als Lebensmittel oder für die Lebensmittelproduktion zu produzieren? Pauschal kann diese Frage derzeit wohl niemand beantworten. Sicher ist jedoch, dass die Lösung nur durch neue Arbeitsweisen und Technologie erreicht werden kann. Einfach gesagt geht es also um das Thema Innovation. Doch das dürfte für die meisten Betriebe und deren Zulieferer nicht greifbar sein. Also der Reihe nach.

Innovationen sind Neuerungen an Produkten oder Dienstleistungen, Prozessen oder  Geschäftsmodellen. Und im Bereich der Landwirtschaft müssen aufgrund der vielfältigen Rahmenbedingungen und der damit verbundenen Komplexität sowohl die produzierten Produkte, erbrachten Dienstleistungen, die für all das nötigen Prozesse und unbedingt auch die Geschäftsmodelle berücksichtigt werden.

Platt ausgedrückt könnte man auch sagen, die Landwirte müssen exakt das tun, was alle anderen Unternehmer auch tun müssen: Das Unternehmen immer wieder und wieder den neuen Randbedingungen anpassen. Der erste Schritt dabei ist die Klärung der Frage, was der jeweilige Landwirt eigentlich möchte. Das ist sozusagen seine Vision, sein persönliches Ziel als Mensch und Unternehmer.  Gleiches gilt auch für große, nicht vom Inhaber geführte Betriebe. Auch hier muss eine Zielsetzung für das Unternehmen erarbeitet werden, die über reine Unternehmenskennzahlen hinausgeht. Diese Zielsetzung charakterisiert das, wofür der Betrieb steht und ist damit auch identitätsstiftend und eine wichtige Orientierung für die eigenen Mitarbeiter. Dennoch darf die Vision durchaus sehr ambitioniert oder sogar unerreichbar sein. Schließlich soll sie den Unternehmer und vor allem die Mitarbeiter über viele Jahre antreiben und motivieren.

Steht die Zielsetzung fest, kann für die Zielerreichung eine Strategie entwickelt werden. Dabei wird man nun wieder mit der Härte der Lebensrealität konfrontiert, da nun der Markt sowie die jeweils individuelle Situation des Unternehmens berücksichtigt werden müssen. In diesem Zuge werden dann auch strategische Ziele definiert, nach denen sich dann die umzusetzenden Maßnahmen richten. Darin enthalten ist auch die Art und Weise, wie die Umsetzung erfolgt. Möchte man etwas bestimmtes selbst produzieren oder lieber zukaufen? Sollte man manche Arbeiten extern beauftragen oder einen eigenen Mitarbeiter einstellen oder qualifizieren? Zwar könnten diese Fragen rein betriebswirtschaftlich beantwortet werden, vielfach stehen hier aber bestimmte Wertvorstellungen, die mit den Zielen des Unternehmers verknüpft sind, einer reinen Controlling-Entscheidung gegenüber. Auch das ist Teil einer Strategie.

Aber ist dieser ganze Aufwand wirklich nötig? Kann man nicht einfach mal etwas ausprobieren? Sicher, kann man einfach etwas machen und ausprobieren. Und solange das finanzielle Polster dick genug ist und dabei keine oder nur wenige Mitarbeiter geführt werden müssen, kann dieses Vorgehen auch erfolgreich sein. Allerdings sieht die Realität meist anders aus. Das Geld sitzt meist nicht ganz so locker und eine vollständige Auseinandersetzung mit dem Thema offenbart oftmals erst, welchen Aufwand man eigentlich vor sich hat, ob man ihn überhaupt alleine stemmen kann oder ob man externes Geld, externes Know-how oder anderes braucht. Möglicherweise wird aber auch erkannt, dass das Ganze weniger aufwändig und kompliziert ist als man dachte. Das Erarbeiten einer übergeordneten Zielsetzung oder Vision sowie einer Strategie ist in jedem Fall sehr zu empfehlen. Vor allem dann, wenn man sich mit Innovationen auseinandersetzen muss.

Als Leser wird bereits jetzt klar: Die Aufgaben, vor denen ein Landwirt steht, sind nicht leicht, brauchen viel Zeit und es muss investiert werden. Hilfe und Unterstützung werden die Betriebe dabei wenig bekommen. Deshalb liegt die Priorität anfangs auf dem Themenkomplex Liquidität und Finanzierung. Außerdem kommt der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle eine besondere Bedeutung zu, um zusätzliche Erlösquellen zu erschließen. Nicht zuletzt auch deshalb, um durch neue Kunden auch gewachsene Abhängigkeiten aufzubrechen. Beispiele können die Verwertung abfallender Wertstoffe, die Art und Weise der Vermarktung oder Schulungen, Führungen etc. sein. Auch die Bereitstellung von Daten kann an einigen Stellen interessant sein. Natürlich kann auch die Wertschöpfungstiefe gesteigert sowie die Ausweitung oder Fokussierung der Produktion verfolgt werden. Selbst dann, wenn im Ergebnis kein zusätzliches oder alternatives Geschäftsmodell gefunden wird, hat man die eigenen Möglichkeiten des Betriebes analysiert und aus einer anderen Perspektive betrachtet. Und wer jetzt denkt, dass es sich dabei um eine Mammutaufgabe handelt, irrt: Mit modernen Ansätzen (z.B. Business Model Canvas) kann man mit sehr wenig Zeiteinsatz ein Geschäftsmodell durchspielen. So dauert das Skizzieren eines Geschäftsmodells inklusive einer ersten Bewertung keine 2 Stunden.

Hat man sich mit dem Geschäftsmodell auseinandergesetzt, kann man sich im nächsten Schritt den Produkten, Dienstleistungen und Prozessen widmen. Wer bei neuen Produkten an neue Tiere oder Pflanzen denkt, liegt zwar nicht falsch, sollte seinen Blick aber mehr auf die Verarbeitung oder Vermarktung bereits produzierter Pflanzen und Tiere richten. Hier liegt ein gewaltiges Wertschöpfungspotenzial. Streng genommen sind die Grenzen zwischen neuem Produkt und neuem Geschäftsmodell oftmals fließend. Ein weiteres Feld sind Produkte, die die landwirtschaftliche Produktion unterstützen. Viele Produktinnovationen kommen von Anwendern, die ein bestimmtes Problem haben und am Markt keine praktikable Lösung dafür finden. Auf diese Weise wurde übrigens auch die Entwicklung des Computers motiviert, da ein Bauingenieur die bei statischen Berechnungen entstehenden Gleichungssysteme nicht mehr händisch lösen wollte. Warum sollte also nicht ein Landwirt eine Idee für ein innovatives Bewässerungssystem haben, ein modernes Pflanzenschutzsystem entwickeln oder der Erfinder eines kostengünstigen Kreislaufsystems für die Viehzucht sein?

Mit Dienstleistungen verhält es sich ähnlich. Welche Dienstleistungen entlang der landwirtschaftlichen Produktionen könnten besser erfolgen? Gibt es vielleicht etwas, was fehlt? Gibt es vielleicht Ansätze zur Digitalisierung, denen sich bislang noch niemand angenommen hat? Denken Sie daran, dass prinzipiell alle Problemstellungen, für die keine ausreichend guten Lösungen verfügbar sind, potenziell Geld wert sind! Und durch den technologischen Fortschritt und die Digitalisierung sind heute auch Dinge wirtschaftlich, die vor ein paar Jahren vielleicht schon mal probiert wurden, aber nicht rentabel waren.

Das wird bei der Prozessinnovation in der Landwirtschaft besonders deutlich. Denn zu den Prozessen gehören neben den Verwaltungsprozessen und der Korrespondenz vor allem die Produktionsprozesse. Dabei setzen Landwirte heute in der Regel auf moderne Maschinen. Diese nutzen teilweise enorm fortschrittliche Verfahren, um etablierte Prozesse (Saat, Ernte etc.) zu übernehmen. Möglicherweise lassen sich aber neue Prozesse schaffen, bei denen sich z.B. mehrere Pflanzen gleichzeitig auf einer Fläche anbauen und maschinell ernten lassen? Vermutlich sind selbst die aberwitzigsten Ideen technisch machbar und lediglich die Wirtschaftlichkeit eine Hürde. 

Es ist in diesem Themenumfeld durchaus erlaubt zu spinnen. Mit bestimmten Kreativitätstechniken kann man dieses Spinnen sogar systematisch auf die Spitze treiben. Es ist möglicherweise sogar nötig, vollkommen absurde Ideen zu entwickeln, um eingefahrene Wege zu verlassen. Insbesondere die überflüssige Auseinandersetzung zwischen konventionellen Landwirten und der Biolandwirtschaft zeigt, wie ideologisch ein Großteil der Branche agiert. Wie stark die eingetretenen Pfade sind, zeigt sich auch daran, welche Szenarien und Lösungen die Interessenverbände der Landwirtschaft im Zusammenhang mit dem Klimawandel aufgreifen. Im aktuellen Sommer (2018) dreht sich die Diskussion um die Kompensation von finanziellen Schäden, die den Landwirten infolge einer Hitzewelle entstehen. Steuererleichterungen, Subventionen oder vorzeitige Zahlungen bekämpfen zwar kurzzeitig die Symptome bei einem einzelnen Landwirt, lösen aber nicht die Probleme. Viel wichtiger wären Maßnahmen, die der Landwirtschaft helfen auch in Zukunft trotz Hitzewellen, Starkregen oder Hagel die Produktionsausfälle zu minimieren. Und weltweit werden die Schäden durch klimatische Veränderungen zunehmen.

Problemstellungen gibt es für die Landwirtschaft viele - Lösungen aber auch. Man muss sie lediglich angehen. Und wenn jemand weiß, welche Probleme in der Landwirtschaft vorherrschen und was helfen könnte, dann sind es die Landwirte sowie deren langjährigen Zulieferer selbst. Falls für die Umsetzung einer Idee nicht alle nötigen Fähigkeiten vorhanden sind, findet sich mit Sicherheit jemand, der das kann. Und wenn die Idee gut ist, lässt sich auch die Finanzierung klären.

 

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Kategorien: Innovation, Landwirtschaft, Klimawandel

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VALUEversitas ist eine spezialisierte Unternehmensberatung, die Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette der Lebensmittel berät. Die schwerpunktmäßigen Beratungsfelder sind Strategie und Entwicklung (Managementberatung), Technologie- und Innovationsberatung sowie die Beratung zu Unternehmenskooperationen und aktiver Zusammenarbeit.

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